Richtig oder falsch? Perspektivmalerei und 3D-Effekte in der barocken Kunst

DSC_5827_bearbeitet-2

Wer jemals eine Landschaft mit Bergen und Wiesen malen wollte, aber auch mit Bauernhäusern und geschlungenen Wegen, wird bemerkt haben, dass man dafür ein gewissen Basiswissen über Perspektive braucht. Sonst gibt es auf dem Bild keinen zweidimensionalen Effekt, geschweige denn einen dreidimensionalen. 3D-Kunst war im Barock sehr populär, im speziellen auf großen Freskos, um einem endlose Sicht vorzugaukeln. Man denke an Deckenmalereien in Kirchen mit direktem „Blick zum Himmel“, auch wenn ein Dach dazwischen ist.

DSC_5834_bearbeitet-1

Wenn man das Deckenfresko-Detail im Theatersaal der Alten Universität in Wien von Anton Hertzog und Franz Anton Danne (1735) am Foto ganz oben und dann das untere anschaut, wundert man sich, warum das zweite Foto plastischer wirkt als das oberste? Auf dem Foto Nummer 1 verdecken die Wolken den Blick zum endlosen Himmel (was für diese Epoche eigentlich unüblich ist). Auf dem Foto Nummer 2 kann man Architektur von unten hinauf sehen und einen Engel in Rot, der sich in einem Landeanflug zu befinden scheint.

DSC_5810_bearbeitet-1

Nahe der Alten Universität befindet sich übrigens ein Meisterwerk illusionistischer Malerei, in der ehemaligen Universitätskirche: die „Kuppel“ von Andrea Pozzo (1703-1709). Was von unten wie eine hohe Kuppel wirkt, ist in Wirklichkeit ein flaches Gewölbe. Pozzo war der Meister der 3D-Malerei und hat ein Muster-Buch herausgegeben, um andere Maler zu inspirieren und um die Technik der illusionistischen Malerei zu erklären. Jeder Künstler kannte dieses Buch, und es gibt etliche Freskos in Österreich, die sich darauf beziehen, so wie das auf dem Foto unten.

DSC_7205_bearbeitet-2

Eine der bedeutendsten barocken illusionistischen Freskomalereien befindet sich in der ehemaligen Stiftskirche in Spital am Pyhrn. Bartolomeo Altomonte und Francesco Messenta führten aus (1737-1740), was viele Kunsthistoriker für Österreichs bedeutendste Architektur-Malerei halten. Warum waren zwei Maler daran beteiligt? Weil damals Künstler oft sehr spezialisiert waren – Altomonte schuf Figuren und Wolken und Messenta die Säulenarchitektur.

DSC_7443_bearbeitet-4

Ein Detail des Freskos (s. Foto oben): Engel – einer singt, einer spielt den Kontrabass, einer dirigiert. Ich habe das Foto aus großer Entfernung aus dem hinteren Kirchenschiff gemacht. Auf dem Foto unten kann man denselben Ausschnitt sehen, aber man würde nicht denken, dass es sich um dasselbe Bild handelt – die Engel sind total zusammengedrückt. Dieses Foto habe ich aus der Nähe gemacht. So kann man verstehen, warum 3D-Malerei, von nah oder fern, total verschieden erscheinen kann – richtig oder falsch. Der Effekt ist eine Frage des richtigen Blickwinkels.

DSC_7438_bearbeitet-2

Ein letztes Beispiel von Architektur-Malerei in der Paura-Kirche (s. Foto unten, die illusionistische Malerei stammt von Francesco Messenta, demselben Maler, der die Architektur-Malerei in Spital am Pyhrn ausführte – und es scheint so -, dass sie von jedem Blickwinkel falsch ausschaut. Ich habe von den gemalten Säulen mit Kapitellen und Balken viele Fotos gemacht, die so aussehen, als würden die Ecken von einer Zentrifugalkraft aus dem Bild geschleudert. Ich habe von der Bank aus fotografiert, stehend im Kirchengang und von einer Leiter, aber der obere Teil sah immer irgendwie falsch aus.

DSC_7411_bearbeitet-2  DSC_7565_bearbeitet-2

Ich bin dreimal hingefahren, bis ich die Lösung fand. Aber nicht in der Kirche, sondern auf dem Foto rechts oben – ich hatte immer Fotos aus der Nähe gemacht, immer das Detail aufgenommen (s. Foto oben links), aber die Lösung liegt im ganzen, im Ensemble. Die Wand ist nicht flach, sondern rund, also folgt die Malerei dem Rund. Wenn man auf den gewölbeartigen Teil oberhalb der Säulen schaut, wird man verstehen, was ich meine. Das Gesims deutet die Wölbung und die darüber liegende Kuppel an. – Was lernen wir daraus? Dass eine gute Lösung ihre Zeit braucht.

Kommentar schreiben